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Veröffentlichung des Privaten und Intimen gestern und heute

August 27th, 2006

 

Vielleicht werden sich einige Ältere noch an den Skandal um die nur sekundenwährende Nacktheit der “Sünderin” Hildegard Knef in einem Film von Willy Forst erinnern. In der Adenauer-Zeit wurde das als obszön und gefährlich empfunden. Anfang der 70er Jahre saß dann Yves Saint Laurent im Adamskostüm Modell, die “Fa”-Frau ging nackt duschen. Etwa zeitgleich erschienen, von geachteten Pädagogen empfohlen, Sexualaufklärungsbücher mit Fotos nackter Männer und Frauen bei allerlei sexuellen Handlungen oder Erkundungsversuchen. Das Aufkommen des Privatfernsehens und später des Internet änderte in Deutschland durch die Ausstrahlung von Sex-Filmen und eine allgemeinere Freizügigkeit etwa in der Werbung weiter die gesellschaftliche Akzeptanz von Nacktheit (siehe Haeberle, “Pornographie” gestern, heute und morgen, BPjS aktuell, Heft 1/1999). Wenn heute auf angesehenen Magazin-Webseiten wie stern.de (”Liebesleben”) oder spiegel.de (etwa “Aktfotos von Sportstudenten”) erotische (Amateur-)Fotostrecken zu bewundern sind, ProSieben (”Das Foto deines Lebens”) nachmittags und RTL (”Hautnahmodel”) am Abend spontane, erotische Shootings mit Amateuren im Fernsehen zeigt, der Playboy Kassiererinnen von McDonalds und Verkäufer des MediaMarktes nackt ablichtet, TV-Sex-Magazine etwa des Senders VOX (”Wa(h)re Liebe”) zu späterer Stunde Intimrasuren und Masturbationstechniken ausführlich in Wort und Bild vorstellen, gehört das längst zum Alltag. Ein Stein des Anstoßes sind sie heute, im Jahre 2006, kaum noch - die erotischen Fotos und Filme in den Medien. Vielmehr sind sie längst zu einer sozial akzeptierten Form der Unterhaltung geworden. Am Kiosk, auf Plattencovern, im Fernsehen, Zeitungen, Zeitschriften und dem Internet wird genüsslich jede Form der Nacktheit präsentiert. Der gewandelte Schwellenwert trägt dazu bei, dass Nacktheit in der Öffentlichkeit als normaler angesehen wird. Enttabuisierung, Exhibitionismus, Narzissmus und Voyeurismus charakterisieren die Entwicklung nicht erst seit den neunziger Jahren. Insbesondere Privatfernsehen und Internet bieten eine ideale Plattform für Schau- und Zeigelustige. Intimes wird vor einem Millionenpublikum präsentiert und inszeniert, Sexualität ist zu einem öffentlichen Schauspiel geworden. Der Bremer Ethnologe Hans Peter Duerr sagt dazu: “Es hat sicher noch keine Gemeinschaft gegeben, in der die Tendenz zur Veröffentlichung von Privatem und Intimen so stark war wie in der heutigen” (Duerr, in: Der Spiegel 29/1997, S.94). Daher sind es heute auch nicht mehr “nur das Model und der Star, die ihre Brüste, Muskeln und Schenkel vorzeigen, sondern auch die Sekretärin und der Bademeister, die Studentin und der Briefträger, die darauf brennen, sich öffentlich vorzuführen” (Greiner, Versuch über die Intimität, in: Die Zeit 18/2000).

Private erotische Websites

Seit Anbeginn des Internetzeitalters gibt es zahlreiche sexualbezogene Angebote im Internet, welche auf kommerzielle Weise erotisches und pornographisches Material vermarkten. Jedoch gibt es ebenso eine Vielzahl von nicht-kommerziellen/ privaten sexualbezogenen Websites. Im Rahmen ihrer Diplomarbeit untersuchte die Dipl.-Psych. Christiane Eichenberg im Jahre 1999 mittels einer Fragebogenstudie die Motive von privaten Seitenanbieterinnen und Seitenanbietern. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Publikation des privaten erotischen Materials zu diesem Zeitpunkt überwiegend durch sehr persönliche Aspekte wie sexuelle Selbstexploration und Selbstentwicklung motiviert war, weniger durch kommerzielle Aspekte.

Von dem Publikationsmotiv der sexuellen Selbstexploration zur kommerziellen Verwertung privater erotischer Aufnahmen

Selbstverständlich liegen die Motive für die Publikation privater erotischer Fotografien und Videos auch im Jahre 2006 nicht immer bzw. nicht immer ausschließlich im kommerziellen Bereich. Häufig dienen sie zweifellos auch weiterhin lediglich dem unstillbaren Bedürfnis, sich zu zeigen und gesehen zu werden, der sexuellen Selbstexploration und Identitätsdarstellung. Dennoch gehen offenkundig Amateur-Erotikmodelle und -Darsteller bzw. Amateur-Erotikfotografen zunehmend geschäftstüchtig dazu über, die Produkte ihrer eigenen bzw. der fremden Inszenierung (Fotos/Videos) nun auch selbst mit Erfolg kommerziell zu verwerten, sei es, um damit ihr Hobby zu finanzieren, die Haushaltskasse aufzubessern oder einfach “etwas Taschengeld” gerade in wirtschaftlich schwachen Zeiten wie den heutigen hinzuzuverdienen. Was anfangs möglicherweise nur als Spass gedacht war oder der sexuellen Selbstinszenierung diente, wird nun schnell auch mal zum Nebenjob, gelegentlich sogar zum Hauptberuf.

Exemplarisch etwa das folgende Interview von PHOTOGRAPHIE-Online Redakteur Dirk Böttger mit den Nachwuchsmodellen Anna und Sonja: PHOTOGRAPHIE: Wie seid ihr zum Modeln gekommen? Anna: Ich habe mit 16 Jahren im Web Erotikbilder getauscht, und die haben mir gefallen. Daraufhin hat mein erster Freund ein paar Aktfotos von mir gemacht, die ich im Web verschickt habe. Und prompt bin ich von einem Fotografen angesprochen worden, ob ich nicht für ihn modeln möchte. Mit 18 ging es dann aber erst so richtig los, und ich wurde gecastet […]”.